Eröffnungsansprache des Mannheimer Romanistentags 2015

Exzellenz, lieber Herr Botschafter Philippe Étienne!
Monsieur le Consul général Eybalin, lieber Nicolas!
Lieber Herr Botschaftsrat für Kultur Emmanuel Suard!
Estimado Señor García Caraballo, representante de la Embajada de España!
Estimado Consul honorario de Ecuador Siegfried Rapp!
Cher Monsieur le Consul honoraire Zöller, lieber Folker!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz!
Geschätzter Herr Erster Bürgermeister Christian Specht!
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Grötsch!
Verehrte Vertreterinnen und Vertreter des Bundes und des Landes, lieber Karl Lamers!
Geschätzte Mitglieder des Gemeinderates!
Sehr geehrter Herr Generaldirektor Prof. Dr. Wiezcorek, lieber Alfried!
Verehrte Rektorinnen und Rektoren, liebe Frau Oster-Stierle, sehr geehrter Herr Egle, lieber Herr Dahmen, lieber Herr Leonhard, und nicht zuletzt Magnifizenz von Thadden, lieber Elu!
Hochgeschätzte Romanistinnen und Romanisten!
Verehrte Festgäste des heutigen Abends!

Es ist mir eine große Freude Sie alle heute Abend in Mannheim willkommen zu heißen zur Eröffnung des 34. Deutschen Romanistentags, der zugleich der Festakt zur Gründung des neuen Institut Français Mannheim für die europäische Metropolregion Rhein-Neckar ist.

Herzlich Willkommen! Sejam bemvindos! Benvinguts a Mannheim! Bienvenue! Bienvenidos! Bon biní! Benvenuti!

Als wir uns vor bald drei Jahren mit der Möglichkeit befassten, 2015 nach vierzig Jahren den Romanistentag wieder in Mannheim auszurichten, waren viele der jetzigen Entwicklungen noch nicht absehbar. Die Entscheidung war geprägt davon, uns am Romanischen Seminar alle gemeinsam auf den Weg zu machen. Wir danken der Fachcommunity für die Flexibilität, den Romanistentag ausnahmsweise in den Juli zu legen.

Mein noch größerer Dank gebührt jedoch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie einigen Studierenden des Romanischen Seminars, diese Tagung mit viel Engagement in unzähligen zusätzlichen Arbeitsstunden zu organisieren. Es ist uns als Gastgeberinnen und Gastgeber sehr daran gelegen, Sie in den kommenden Tagen bestmöglich zu begleiten. Sie erkennen uns an den roten Namensschildern bzw. den roten Romanistentag-Shirts.

Charles Grivel, dem es – obgleich er den Mannheimer Romanistentag auf seiner Agenda hatte – leider nicht mehr vergönnt ist unter uns zu weilen, hätte heute Abend seine wahre Freude, einerseits ob der Breite des wissenschaftlichen Programms, das in den kommenden Tagen stattfinden wird: 23 Sektionen aus Sprach-, Literatur-, Kultur-, Medienwissenschaft und Didaktik.  Andererseits aber auch, weil das heute zu gründende Institut français nachhaltig dazu beitragen wird, dass das interkulturelle Verständnis zwischen Frankreich, und damit einem zentralen Teil der Romania, und Deutschland nicht im Sog der Globalisierung zu kurz kommt.

Offenheit für die gesamte Breite der romanischen Sprachen und romanistischen Forschungsgegenstände leiten in der Tradition Rupprecht Rohrs und vieler prominenter Romanistinnen und Romanisten, die in Mannheim ihre Spuren hinterlassen haben, unser Handeln. Dass dieses Handeln durch die Gründung eines Institut Français Unterstützung findet, freut uns besonders.

Die Stadt Mannheim und ihre Universität rücken auf diese Weise noch ein Stück näher zusammen und ich möchte an dieser Stelle der Stadtspitze, v.a. dem in Frankreich-Agenden unermüdlichen Ersten Bürgermeister Christian Specht, sowie den involvierten Fachbereichen für die fruchtbare Zusammenarbeit in den letzten Monaten danken. Unserer von Offenheit und Diversität geprägten Stadt entsprechend soll auch dieser Romanistentag offen sein und zum Dialog einladen. Die Ausstellung „Vorbild – Schrecken – Faszination: Wie viel Frankreich steckt in Mannheim“ ist nur ein Beispiel dafür. Alle Veranstaltungsformate sind darauf ausgerichtet, Studierende und insbesondere den romanistischen Nachwuchs einzubinden. 

Das Tagungsmotto „Romanistik und Ökonomie: Struktur, Kultur, Literatur“ erlaubt es uns, einen kritischen Blick auf aktuelle Prozesse zu werfen, auf Krisendiskurse und sprachliche Ökonomien, auf kommunikative Prozesse und kulturelle Märkte. Es spricht für unsere Disziplin, dass zu diesem zunächst etwas kritisch aufgenommenen Rahmenthema 32 Sektionsvorschläge eingereicht wurden und unser Dank gebührt an dieser Stelle dem wissenschaftlichen Beirat für die Evaluierung und den Auswahlprozess sowie allen Sektionsleiterinnen und Sektionsleitern, die durch ihren Beitrag das dichte Programm überhaupt ermöglichen.

Eine Tagung dieser Dimension ist freilich nicht ohne die substantielle Hilfe verschiedener Einrichtungen möglich, deshalb sei an dieser Stelle insbesondere der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Stadt Mannheim, der Philosophischen Fakultät, der Universität Mannheim, der Karin & Carl-Heinrich Esser Stiftung, der Otto-Mann-Stiftung sowie dem Absolventum herzlich für die Unterstützung gedankt.

Ich darf den XXXIV. Deutschen Romanistentag für eröffnet erklären und bitte den Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, Herrn Dr. Peter Kurz, um sein Grußwort.

Ich erlaube mir noch kurz, das Wort an Sie zu richten in meiner Funktion als erste Vorsitzende des Deutschen Romanistenverbandes.

Ein Blick auf das Tagungsprogramm des 34. Romanistentags verdeutlicht, wie sich der Gegenstandsbereich der romanistischen Forschungen in den letzten Dekaden modifiziert hat. Nicht nur, dass die Kultur- und Medienwissenschaft sowie die Didaktik zu einem festen Bestandteil geworden sind, nein auch die Sprach- und Literaturwissenschaft haben in sich einen Erweiterungsprozess durchlaufen (z.B. Ausdehnung auf das Visuelle), ganz abgesehen von einer theoretischen und methodischen Vielfalt.

Was jedoch hat sich vor allem nach Bologna an der Romanistik verändert? Der Deutsche Romanistenverband versucht sich mit seiner aktuellen Umfrage, deren Kernergebnisse nunmehr vorliegen, als Seismograph der Entwicklungen im deutschsprachigen Raum.

Ich danke allen geschäftsführenden Kolleginnen und Kollegen von Augsburg bis Wuppertal, dass sie sich die Mühe gemacht haben, die Umfrage zu beantworten. Sie ist mit Ausnahme der nicht germanophonen Romanistiken der Schweiz, die sich trotz expliziter Einladung nicht beteiligt haben, (auch dank der emsig nachtelefonierenden Susanne Godon) flächendeckend und zeigt, dass es sich um ein sehr lebendiges Fach mit insgesamt 675 Studiengängen an 55 Instituten bzw. Seminaren handelt.

Der Bologna-Prozess hat die Landschaft deutlich verändert, so dass die 63367 Studierenden, die im Haupt- oder Beifach Romanistik studieren in den Genuss sehr unterschiedlicher Studiengänge kommen, von klassischen Lehramtsprogrammen (BA/MAs oder Staatsexamen), die immer noch knapp über 40 % der Studierenden betreffen (26511) bis zu Kombinationsstudiengängen wie dem fast tautologisch anmutenden Studiengang „Komparatistische Romanistik“ bis zu einer Fülle an interdisziplinären Studiengängen, wobei sich deutlich die Veränderungen in den Forschungsaktivitäten widerspiegeln: MA Literatur und Medien/Kommunikation, MA Transkulturelle Studien, BA/MA Kultur und Wirtschaft, MA Interamerikanische Studien. Romanistinnen und Romanisten beteiligen sich an epochenspezifischen Studiengängen, z.B. zum Mittelalter, ebenso wie an interreligiösen Studien. In der Benennung der Studiengänge zeigt sich, dass der Begriff der Romanistik zunehmend aus den Studiengangsbezeichnungen verschwindet, da der BA mit drei Jahren die Prämisse der mindestens zwei romanischen Sprachen (im Idealfall zwei plus eine) kaum zulässt. Punktuell entstehen auch deshalb vierjährige Bachelor-Programme, die nicht zuletzt die entsprechend notwendigen Auslandszeiten ermöglichen (Mannheimer BA4 Romanische Sprachen, Literaturen, Medien, deren Studierende sich am Dienstagabend präsentieren).

Latein als Studienvoraussetzung oder die Verpflichtung zum Latinum ist weit­gehend gefallen, wird jedoch größtenteils durch eigene Lateinkurse abgefedert.  Eignungstests werden immer beliebter. Das Portugiesische, aber insbesondere das Rumänische und Katalanische sind nur sehr punktuell studierbar, das Haupt­gewicht liegt auf dem Französischen und Spanischen, die über alle Studiengänge gerechnet gleichgezogen haben (19594 Französisch, 19210 Spanisch in jeweils über 50 Studiengängen), das Italienische ist zwar mit 41 Studiengängen noch stark vertreten, man könnte ihm mit 5441 Studierenden im laufenden Studienjahr jedoch ein gewisses Nachwuchsproblem attestieren. Portugiesisch ist mit nur 11 Hauptfachstudiengängen rar geworden und mutiert mehr und mehr zum Beifach (20 Studiengänge), ebenso hat sich das Katalanische als Beifach etabliert (10 Studiengänge), während Rumänisch in Relation zur Größe der Sprecher­gemein­schaft weit abgeschlagen ist. Nur an drei Orten existiert es noch als Hauptfach (als Nebenfach in 11). 

Aus der Perspektive der Geschäftsführerin eines Romanischen Seminars, das vor allem BA und MA Kultur und Wirtschaft (für Spanisch, Französisch und Italienisch), d.h. philologische Studiengänge mit einem Drittel BWL oder VWL, ausbildet, kenne ich auch die Auswirkungen ein wenig.

Es schmerzt mich immer wieder, wenn Studierende, wenngleich ihnen das Studium großen Spaß bereitet und sie gute Resultate erzielen, aufhören, weil man sie bereits im ersten Semester festnagelt darauf, was sie später mit Romanistik beruflich anfangen werden.

Es schmerzt auch, wenn unsere besten Studierenden – wenngleich nicht unbedingt ihr Herz dafür schlägt – lieber einen Master of Management auf einen BA Kultur und Wirtschaft setzen, weil sie sich dann besser „verkaufen“ können am Arbeitsmarkt. Diese Form des Utilitarismus ist ihnen in der heutigen Arbeitswelt kaum übel zu nehmen, aber er stimmt uns nachdenklich.

Wir sind als Fach ökonomischen Fragestellungen ganz unmittelbar unterworfen, und es ist zwar verständlich, aber dennoch betrüblich, dass Schlagwörter wie „Employability“ auch in universitären Debatten immer stärker Platz greifen.

Universitäten sind Bildungsstätten, keine Ausbildungsstätten. Sie sollen zu höherwertigen Denkaufgaben animieren und auffordern, das theoretische und empirisch-methodische Handwerkzeug hierzu zu lehren, vor allem aber die Persönlichkeit der Studierenden weiterentwickeln, damit universitäre Absolventen später gesellschaftliche Probleme unterschiedlichster Art lösen können und Wege beschreiten, die noch niemand vor ihnen gegangen ist.

Die Romanistik muss sich mit den von ihr gestellten Fragen nicht verstecken. Im digitalen Zeitalter ist Kommunikation und damit Sprache ein Faktor von größter Bedeutung, wenn nicht sogar das Schlüsselelement schlechthin.

Politische Wenden, ökonomische Krisen und auch Reformen werden vor allem sprachlich vermittelt. Sie erzeugen Stimmungen, welche Entwicklungen in die eine oder andere Richtung treiben.

Als Fach sind wir gehalten, die Einheit in der Vielfalt zu leben, um im disziplinären Kanon nicht ins Hintertreffen zu geraten! Ich wünsche mir von diesem Romanisten­tag spannende wissenschaftliche Auseinandersetzungen, aber auch kritische Diskussionen, die die Rolle der Romanistik als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen ausloten.

Prof. Dr. Eva Martha Eckkrammer